Freitag, 2. Juli 2010

Russlandreise

Guten Tag liebe Blogleser,
da heute die Russlandreise von mir (Annemarie - Judiths Schwester) und unserem Papa zuende geht habe ich mir überlegt, dass ich gerne meine Eindrücke von Russland beschreiben würde.
Vorweg schon sei schon mal gesagt, dass alle Eindrücke absolut subjektiv und immer nur Beobachtungen beschreiben. Außerdem schließen diese Beobachtungen nicht aus, dass es diese in Deutschland nicht gibt - falls es so klingen sollte als sei das alles so Russland spezifisch.

Abflug/Vorbereitung/Ankunft St. Petersburg 20.7.10
Eigentlich sollte man erwarten wenn man 10 Monate seine heißgeliebte Schwester nicht gesehen hat sei man aufgeregt - doch bei mir regte sich eigentlich nichts. Vielleicht lag es daran das ich vorher viel zu tun hatte und meine Vorfreude gar nicht so ausfüllen konnte, wie eigentlich angebracht war.
Ungeplant und spontan wurde gepackt(im Gegensatz zu Papa, der alles von hinten bis vorne durchplante).Plötzlich waren wir am Flughafen, im Flugzeug - da ein kurzer Moment der Realisierung, der aber beim nächsten Luftloch sofort wieder verflog), dann Landung - Judith!
Ah Judith - die begrüßte uns lachend und der erste Satz war. "Boah wir stehen hier schon ne Stunde". Herzlich, direkt - Judith.
Dabei war Julia, die FDAlerin aus St. Petersburg.
Raus aus dem Flughafen - Reizüberflutung.
Alles irgendwie europäisch,also in meinen Augen normal, doch irgendwie auch nicht. Die Details machen den großen Unterschied aus. Sei es die Währung, die Wandteppiche im Bus, die vielen Frauen mit den Highheels und trotzdem sicheren Gang ( RESPEKT!), die Fahrweise der meisten Russen usw. usw.
Mit dem Bus gings dann ab zur U-Bahn. U-Bahn Rolltreppen das nächste Highlight, so ca. 2 Minuten gehts runter in die Unterwelt, wo sich Menschenmassen tummeln. Die Zeit wird auf der Treppe von den Russen zum lesen genutzt, die diesen "Tobak" mit großer Gelassenheit nehmen und wahrscheinlich nicht verstehen, dass Papa und Ich unsere Kinnlade nicht mehr zuklappen konnten.
Genächtigt haben wir (sehr empfehlenswert) im Priesterseminar.
Die nächsten Tage haben wir dann eine etwas typische Touritour mit allem drum und dran gemacht.
St. Petersburg ist für mich eine Mischung aus Paris und Venedig - aber auf russisch. Orthodoxe Kirchen, die es wirklich anzuschauen lohnt und hier und da auch Cafes mit russischen Spezialitäten. Außerdem spürt man an vielen Ecken noch die politische Vergangenheit und die "Möchtegernkontrolle" des Staates.
Auffallend war für mich übrigens sofort, dass es kaum/keine abgesenkten Bordsteine gibt und die öffentlichen Verkehrsmittel auch absolut nicht für Menschen mit Behinderungen ausgelegt sind.
Judith hat ja auch schon öfter von dem Leben der Menschen mit Behinderungen oder der älteren Menschen berichtet.

Abflug St. Petersburg/Ankunft Tscheljabinsk
Nach den Tagen in St. Petersburg, war es uns ein großes Anliegen Judiths Stelle bei der Caritas und die verschiedenen Projekte kennenzulernen - also ab nach Tscheljabinsk.
Judith war für mich zu diesem Zeitpunkt übrings immer noch nicht real.
Nach dem wir Todesängste im Taxi (120 kmh in einer 30 Zone) vom Flughafen ins Metallurgieviertel erlebt haben, kamen wir bei Judith an.
Doch wir liefen mit Tunnelblick geradewegs in Bett.
Nächster Tag - noch etwas übermüdet und mit Zeitumstellungsproblemen (armer Papa)
gingen wir nach unten in den Kinderclub.
"Judith, Judith" und zack hingen die Kinder alle bei Judith an der Hüfte.
Gut - man merkte schon, die Kinder mögen Judith :D
Auch die Angestellten wiederholten sehr oft den Dank an Papa, für diese tolle Tochter. Lachend und vielleicht etwas peinlich berührt, aber stolz übersezte Judith für uns diese Lob- und Dankesreden.

Wenn man Judith in dieser Umgebung anschaute, wie offen, herzlich und selbstbewusst sie handelte, waren diese "Lobgesänge" kein Wunder.
Und ich mein, dass ich eine tolle Schwester habe ist eigentlich kein Geheimnis, aber der Stolz meinerseits blieb auch nicht aus! ;)
Bei jedem Projekt, dass Judith uns zeigte waren sich die Angestellten einig.
Selbst die beiden Patres ließen sich nicht vom loben abbringen :D
Naja, aber wir (Ich und Papa) wurden auch gelobt - schließlich sind wir ja nicht ganz unbeteiligt an Judiths Entwicklung!
So nun Schluss mit der Schleimerei.

Die nächsten Tage machten wir Ausflüge in die Stadt, in den Südural und an den Togajaksee (oder wie auch immer der heißt).
Das Stadtbild von Tscheljabinsk ist geprägt von Industrieausdünsten und Hochhäusern, doch die Fußgängerzone beeindruckt durch Repräsenz und Sauberkeit.
Der Rest beeindruckt eher in einer anderen Art und Weise.
Mir persönlich ist aufgefallen, dass er die Frauen das Stadtbild prägen. Sie sind in der Öffentlichkeit sehr aktiv und sehen alle super gepflegt aus. Hingegen die paar Männer die man sieht, sind entweder noch recht jung oder eher heruntergekommen oder mit ner Bierflasche in der Hand.
Teils waren die Gerüche in der Tramwai auch nicht auszuhalten.
Später Abends und sehr früh morgends bekam man dann aber den wirklichen Aklholkonsum zu Gesicht. Frauen und Männer mit Bierflaschen und anderem Kram. Teils waren auch noch die Kinder dabei.
Ich möchte hier nichts pauschalisieren, wie es oben schon angedeutet habe, aber es war wirklich sehr auffällig. Menschen die schon nicht mehr um Geld bettelten, sondern direkt um Essen gab es leider auch zu genüge.
Eines hat mich aber wirklich sehr erschrocken.
Die Tage, die wir hier verbracht haben, waren allesamt sehr heiß. Als wir an der Tramwaihaltestelle warteten, kam eine Straßenbahn an und ein Kind stieg mit seiner Muter aus. Dieses Kind warf einen gezielten Blick in den Mülleimer. In einer eigentlich leeren Colaflasche war noch ein winziger Rest drin. Aufgeheizt, abgestanden und von Fliegen umschworren. Doch das Kind freute sich, kramte diese Flasche aus dem Mülleimer und lachte aus vollem Herzen.
Die Tatsache, dass das wühlen und suchen in einer Mülltonne nach Essen und Trinken eine Notwendigkeit ist um zu überleben, ist einfach erschreckend.
Ich weiß, dass es in Deutschland auch sehr oft vorkommt, doch meist beschränkt sich die Suche in den Mülleimern dort auf Pfandflaschen o.ä.

Pfandflaschen führt mich gleich zum nächsten Thema. Müll.
Überall Müll. Überall wo man hinkommen kann ist Müll. Egal ob es auf dem Berg im Ural ist, oder auf der Glaubensinsel im Togajaksee.
Also mein Fazit zu diesem Thema ist: Leinebeutel/Körbe sind top! Pfandsystem top! (Würde auch eine weitere Einnahmequelle für die Bevölkerung bringen)



Der Kinderclub hatte einen Ausflug bzw. ein kleines Lager nach Arkaim geplant, eine Ausgrabungsstätte irgendwo in der Steppe/im Nichts :D
Aber sehr schön muss ich ja mal sagen.
Insbesondere fande ich es sehr schon mit dem Kinderclub dorthin zu fahren. So bekam man einen besseren Eindruck in Judiths Arbeit und lernte die Menschen etwas besser kennen.
Geschlafen wurde im Zelt auf sehr dünnen Isomatten (Ok für uns - nicht gut für den eigentlich junggebliebenden Papa :) ) zu fünft in einem Zelt. Die erste Nacht war mehr oder weniger schlaflos, die zweite war dann ok, aber naja.
Ich glaube die Kinder fanden es toll und freuten sich raus aus der Stadt zu kommen.
Ich muss sagen, dass ich die Kinder bewundere. Sie kommen teils aus sehr schweren Verhältnissen, aber sie sind trotzdem alle sehr herzlich und offen. Die einen mehr, als die anderen - doch sie hatten keine Scheu vor uns. Sie plapperten uns voll auf Russisch- worauf wir sie nur mit großen Augen anschauen konnten und mit den Schultern zucken mussten. Doch irgendwie kam man dann langsam die Verständigung rein. Und man merkte das die Kinder jegliche Zuwendung suchten, egal ob auf deutsch oder auf russisch.
Auf diesem Ausflug wurde mir dann bewusst, was der Kinderclub da eigentlich leistet.
Repekt und danke das es Menschen gibt, die sich Menschen annehmen, denen es schlechter geht.

Ah ok, ich klinge wie ein Moralapostel und ich muss jetzt auch zum Ende kommen, sonst gibs Ärger.
Alles in allem ist Russland ein interessantes Land mit Ecken und Kanten - aber wunderschöner Natur mit viel Potential.
Ich würde mich freuen wenn sich das Land so entwickelt, sodass man irgendwann weiss, dass es hinterm Ural auch weiter geht.
Zu Judith - ich glaube sie ist real. Wir zicken wie früher ein bisschen rum, sind albern und fühlen uns zusammen wie 10.
Das war schon immer so. Aber ich glaube sie ist ein bisschen reifer und organisierter. Vielleicht in manchen Situationen auch schon ganz schön erwachsen!
:)

Tschösen!

























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